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Finn-Ole Heinrich

aus: „Der Tag, die Sorge“ | Roman


Ich bin noch nie am Busbahnhof gewesen. Es ist so ähnlich wie am normalen Bahnhof, nur irgendwie ramponierter. Es riecht wie am Morgen nach einem großen Straßenfest. Überall sitzen Leute mit leeren Augen auf oder neben großen Taschen, Gesichter wie nebenbei aus Teewurst hingeknetet. Manche wühlen in Mülleimern und wenn ein Bus ankommt und Leute ausspuckt, verschwinden die so schnell sie können. Pekka zieht mich zum Bussteig neun, ich gucke auf die Anzeigetafel: Frankfurt.
Frankfurt?
Pekka nickt.
Wir fahren nach Frankfurt? Was machen wir da? Können wir das einfach machen? Ich muss meinen Eltern-
Aber Pekka ist schon wieder unterwegs, ein neongrüner Mann zieht das Gepäckfach am Busbauch auf und Pekka wirft seinen riesigen Rucksack hinein. Er sieht sich um und geht ganz selbstverständlich davon aus, dass ich ihm einfach alles nachmache. Naja. Ist ja auch so. Eigentlich seit fast drei Jahren. Pekka stellt sich in die Schlange vor der Bustür und tippt einem vogelscheuchenartig aussehenden Opa mit Käppie auf die Schulter. Der dreht sich um, sieht zu Pekka runter und fängt sofort an, ein riesiges Lächeln in seinem Gesicht aufzufalten. Er hat eine recht spannende Sammlung von Zahnresten zu zeigen und an der Art wie sein Gesicht stellenweise rasiert und unrasiert ist, kann man erkennen, dass er einige Bereiche des Kopfes im Laufe der letzten Jahre vergessen haben dürfte.
Mein Name ist Pekka, sagt Pekka und hält dem Opa seine Hand hin.
Juppi, sagt der Opa, nimmt Pekkas Hand und bedient sie wie einen Wagenheber, raufrunterraufrunter.
Mein bester Mann, sagt Pekka und nickt zu mir rüber, Henri.
Hallo Henri, sagt Juppi und raufruntert meinen Arm als hätte er zwei Kannen Kaffee intus.
Juppi, sagt Pekka, du fährst also auch nach Frankkfurt?
Klare Sache.
Starkk. Super Stadt, sagt Pekka und Juppi zuckt die Schultern. Bist du aus Frankkfurt?
Nee. Oder jaaa, sagt Juppi. Er zuckt die Schultern. Wer weiß das schon, und grinst breit. Naja, ich wohne ein bisschen zwischen den Stühlen, flüstert er und kichert wie ein junges Mädchen.
Tickets, sagt der neongrüne Mann und Juppi dreht sich um, holt umständlich einen verknitterten Zettel aus der Hosentasche und solange Neonmann warten muss, wedelt Pekka hinter Juppi schon mal mit unseren Tickets und bedeutet Neonmann, dass Juppi und wir zusammengehören und Juppi ein bisschen verschallert ist und es vielleicht ein bisschen dauern kann, Neonmann nickt entspannt. Pekka, alter Fuchs, denke ich. Neonmann scannt Juppis Ticket, unsere Tickets, wir steigen ein, kein Problem. Als Juppi sich setzt, geht Pekka weiter, klopft ihm auf die Schulter und lässt sich ein paar Reihen hinter ihm in einen der Sitze fallen. Pekka atmet laut durch.
Geschafft, Alter.
Ich setze mich neben ihn und stelle meinen Rucksack zwischen meine Beine.
Ähm, mache ich. Aber Pekka würgt mich ab mit der zuschnappenden Hand. Das bedeutet: nichts sagen. Ich sage nichts. Die Neontüren schließen sich. Der Motor startet. Juppi trällert vor uns immer noch fröhlich rum. Der Bus fährt an. Wir fahren tatsächlich nach Frankfurt. Wir fahren mit dem Fernbus in eine andere Stadt. Das ist ganz sicher total streng verboten. Das ist vollkommen...
Ej, Pekka, sage ich.
WAS?
Fahren wir echt nach Frankfurt?
Typ! Ja. Von mir aus, geh nach vorn und frag den Busfahrer.
Und was machen wir da?
Pekka grinst und sagt gar nichts. Grinst nur. Arschlange.
Ich kann doch nicht einfach so irgendwohin fahren! Wann sind wir denn zurück? Meine Eltern drehen durch. Das ist sowas von total verboten. Ich krieg Hausarrest bis Weihnachten.
Papperlapapp. Wir fahrn in Urlaub. Du kklingelst gleich mal durch und erklärst deiner lieben Muddi einfach alles. So sieht das aus.
Was soll ich... wie soll ich das bitte erklären?
Du hast das halt verschüsselt mit der Nachricht, dabei war das schon ewig und drei Tage geplant und du hast ihr das auch ganzsicheraufjedenfall schon mal erzählt und sie hats nur vergessen und so weiter und ich hatte die Tickkets schon gebucht weilwegenundso und die wären verfallen, wenn wir nicht gefahren wären und überhaupt und sowieso.
Das reicht nie, niemals.
Kklaro.
Was machen wir denn in Frankfurt?
Es sind Ferien, Henrimaus, und wir fahren in Urlaub. Zu meinem Vater. Ich lad dich ein. Und sag Muddilein, wir schickken ihr ne Postkkarte und tausend Kküssikküsschen.
Mann, Pekka, ich... das... oh, Mann.
Mach dir nich ins Hemd, das geht schon klar, wir sind doch kkeine Kkleinkkinder mehr.
Sondern?
Alter Vadder, ich bin fast zehn und du bist über elf, zusammen warn wir schon letztes Jahr erwachsen, fast. Wir hams doch voll im Griff.

(...)