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Gabriele Haefs
Barbara Mesquita
Martin Savov / Henrike Schmidt
Jens Eisel
Finn-Ole Heinrich
Maria Victoria Odoevskaya
Marie-Alice Schultz
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Dita Zipfel

Maria Victoria Odoevskaya

aus: "Was dann" | Roman

 
"Im Fensterglas sieht deine Spiegelung aus wie ein Geist. Vincent hat die Risse auf deinem Bauch geküsst, nicht das Kind, das mittlerweile ein Geschlecht und einen Namen hat – ein Mädchen, Ruth. Ruth, hat deine Mutter gesagt, sei doch ein schöner Name für ein Mädchen, was spräche schon dagegen, und dein Vater hat dir eine Hand auf die Schulter gelegt, wie um sicherzugehen, dass nichts dagegen spricht. Man hat auf dich eingesprochen mit Stimmen, die beruhigend sein sollten, doch du willst nicht beruhigt, nicht ruhiggestellt werden, nicht jetzt, nicht von ihnen, nicht so. Du stehst auf dem Stuhl wie auf einer Planke, aus scharfkantigen Schulbüchern und Schrankschubladen hast du Wellen aufgetürmt, die alles verschlucken sollen: das Mädchen und dich und die ungewisse Zukunft und jede immer und immer wieder wiederholte Versicherung, dass alles gut wird. Wir schaffen das, Linda, hatten Judith und Gerhard gesagt und sich gemeint und nicht dich, wir beide kriegen das schon hin, wir können jetzt schon das Sorgerecht beantragen, bevor das Jugendamt es tut – solange du es nicht tun kannst, nicht wahr, Linda – und du gehst weiterhin zur Schule, ab jetzt kannst du nirgendwo mehr hin als nach Hause oder zur Schule, aber keine Sorge, Linda, wir zwingen dich zu nichts. Zu einer Entscheidung kannst nur du selbst dich zwingen, noch hast du die Zeit. Wir zwingen dich ja nicht, es liegt kein Zwang in einer Hand auf der Schulter, aber denke gut darüber nach, was du tust. Du kannst es dir so viel leichter machen, allen, die dir versichern, dass alles gut wird, könntest du es so viel leichter machen, es liegt in deiner Hand und immer wieder die Hand deines Vaters auf deiner Schulter und auf deinem Rücken die Erwartung, dass du doch noch alle erleichterst, dass du dich doch noch zur richtigen Entscheidung zwingst.