Literaturpreise-Hamburg.de

Gabriele Haefs
Barbara Mesquita
Martin Savov / Henrike Schmidt
Jens Eisel
Finn-Ole Heinrich
Maria Victoria Odoevskaya
Marie-Alice Schultz
Leona Stahlmann
Dita Zipfel

Marie-Alice Schultz

aus: „Mikadowälder“ | Roman


Sie stehen und sägen. Herr Tsarelli hat das Sägeblatt ausgewechselt, wie Butter lässt sich das Holz jetzt bearbeiten. Oskar ist begeistert. Die neuen Holzplatten, die ihm sein Opa auf dem Fahrrad hergebracht hat, sind dicker als bisher. Er wird größere Kisten bauen können, vielleicht eine Truhe. Was aus all den Kisten werden soll, fragt sich Herr Tsarelli. Mittlerweile nehmen sie weite Teile des Flurs ein, verstellen halb den Zugang zu Oskars Zimmer. Bewahrst du da eigentlich was Wichtiges drin auf? fragt er den Enkel. Nein, nichts, sagt Oskar, das ist ja das Tolle daranDie beinhalten alle nur Luft, aber unterschiedliche Volumen. 

Bedenklich das Ganze, ein Kind, das Luft aufbewahren will, vielleicht sollte Herr Tsarelli doch nochmal versuchen, mit Mona zu reden. Ich muss weiter, sagt er zum Enkel, ich muss.., er stockt mitten im Satz. Er weiß es selbst nicht genau, verlässt leise die Wohnung. Am Ende des Flurs sägt es als Antwort.

(...)

Herr Tsarelli tritt in die Pedale. Die Wut treibt ihn voran. Woher kommt diese Zahl? Wieso behaupten alle, die Liebe sei heutzutage begrenzt, und das auf zwei Jahre? Vielleicht liegt ein großer Irrtum vor, der unhinterfragt weitergetragen wird, bis alle ihn glauben. Sicher gibt es Paare, die auseinander gehen, aber das gab es auch in seiner Jugend. 

Ewige Treue, von wegen, früher lebten die Leute nur kürzer! Ehe man sich auf die Nerven ging, wurde gestorben. Dann trauerte man kurz und ging zum Nächsten über, man heiratete die jüngere Schwester der Verstorbenen oder wer sonst übrig blieb im Dorf, Lazar mit den schiefen Zähnen z.B., der ist doch auch ganz nett und sein Hof groß...Liebe war damals berechnend, stumpf und kalt wie ein Metalllöffel, mit dem sie einem den Lebertran einflößten. 

Die Menschen sind, so denkt er, verlässlicher denn je, es kommt nur keiner drauf. Alle halten sich an eine dubiose Statistik, die das eigene Scheitern untermauern soll. „Kein Wunder, dass es nicht geklappt hat, das Zeitalter der Einsamkeit, es hat wieder zugeschlagen!“ So macht man es sich leicht. Er reißt den Lenker nach rechts, legt sich in die Kurve. Und überhaupt, denkt er, schnauft es fast, denn es muss über seine Lippen, eine Trennung ist ja noch lang nicht das Ende einer LiebeDa beginnt sie doch erst.