Literaturpreise-Hamburg.de

Gabriele Haefs
Barbara Mesquita
Martin Savov / Henrike Schmidt
Jens Eisel
Finn-Ole Heinrich
Maria Victoria Odoevskaya
Marie-Alice Schultz
Leona Stahlmann
Dita Zipfel

Marie-Alice Schultz

aus der Jurybewertung


„Es sind schon wundersame Gestalten, die Marie-Alice Schultz da durch ihre „Mikadowälder“ wandeln lässt. Traumtänzer sind sie, nicht für das normale Leben kalibriert. Oscar zum Beispiel, das schweigsame, bewegungsunwillige Kind, das Kisten zimmert, um darin Luft aufzubewahren. Ruth, die Malerin, die leidenschaftlich Spuren aus Briefmarken legt, oder Georgi, das melancholische Schachgenie, das seiner Ex-Geliebten nachtrauert. Und mittendrin Herr Tsarelli, zweifacher Meister im Diskuswerfen, ein Verfechter von Ordnung und Disziplin und der Pragmatiker unter den Weltentrückten. Über mehr als dreißig Jahre erstreckt sich die Handlung von Marie-Alice Schultz‘ Romanprojekt. Erzählt wird jedoch nicht chronologisch, das wäre ja auch viel zu einfach, sondern in Textfragmenten, in denen sich die verschiedene Zeitebenen überlagern und nach und nach zu einem dichten Teppich verweben. Die Vergangenheit taucht in schlaglichthaften Rückblenden auf oder bricht als Erinnerung in die Gegenwart ein. Da sieht jemand einen flatternden Frauenschal, und schon sind wir mitten drin in seiner Kindheit, als sein rotes Cape, weil vom Regen durchnässt, nicht so flatterte, wie es hätte flattern sollen, und der große Superman-Auftritt ins Wasser fiel. Ein paar Sätze nur benötigt die Autorin, um uns die Seelenwelten ihrer Figuren, ihre kleinen und großen Enttäuschungen eindrücklich vor Augen zu führen. Wie die Zeitebenen wechseln auch die Perspektiven. Und das rasant, manchmal sogar innerhalb eines Absatzes. Dass der Text dabei an keiner Stelle den Leser oder sich selbst verliert, zeugt auf beeindruckende Weise vom Können der Autorin. Nahezu tänzerisch bewegt sich der Roman hin und her, vor und zurück und woanders hin, quirlig, eigenwillig, aber nie beliebig, sondern sorgfältig choreographiert. Marie-Alice Schultz ist ein wunderbarer Text gelungen, der uns sprachlich und technisch ausgefeilt vom Scheitern und von den Schwierigkeiten erzählt, im Leben seinen Platz zu finden..