Literaturpreise-Hamburg.de

Gabriele Haefs
Barbara Mesquita
Martin Savov / Henrike Schmidt
Jens Eisel
Finn-Ole Heinrich
Maria Victoria Odoevskaya
Marie-Alice Schultz
Leona Stahlmann
Dita Zipfel

Dr. Gabriele Haefs

aus der Jurybewertung


„In Mártin Ó Cadhains 1949 erschienenem Roman Grabgeflüster geht es buchstäblich unterirdisch zu. Einziger Schauplatz ist ein Friedhof irgendwo im Westen Irlands, und allein die Toten haben das Wort. Von „Geflüster“ kann jedoch keine Rede sein – Ó Cadhains auf Irisch geschriebener Text besteht nur aus Selbstgesprächen, Dialogen und Sprachfetzen. Da wird in einem fort getratscht, gezetert, gestritten, gelogen und gelästert, Feindschaften werden lustvoll gepflegt und Statussymbole verteidigt. Nicht viel anders also als oben bei den Lebenden, und so ist Grabgeflüster auch eine herrliche, oft sehr komische Gesellschaftssatire.

Ó Cadhains vielschichtiger Roman verlangt seinen Lesern einiges ab, und erst recht seiner Übersetzerin Dr. Gabriele Haefs. Nicht genug damit, dass die Reden der Verstorbenen im Verlauf des Romans wie ihre Körper immer mehr zerfallen. Statt Wörter aus dem Standardirischen zu verwenden, die in dem von ihm verwendeten Irisch der Westküste keine Entsprechung haben, erfindet der Autor einfach neue – die natürlich nach einer überzeugenden Wortschöpfung im Deutschen verlangen. Gerne lässt er seine Figuren auch auf englische Wendungen zurückgreifen - die diese dann prompt falsch verwenden. Darüber hinaus enthält der Roman eine Fülle von Anspielungen, über deren Bedeutung die Ó-Cadhain-Forschung bis heute rätselt. Da sind auf Übersetzerseite umfassende Recherchearbeit, Kreativität und Entscheidungsfreude gefragt.

Gabriele Haefs hat sich von alledem nicht einschüchtern lassen, und wir verdanken es ihrer Unerschrockenheit, dass wir diesen Klassiker der modernen irischen Literatur endlich in deutscher Sprache lesen können. Und das mit Genuss! Es ist ihr gelungen, jeder Figur eine ganz eigene, wiedererkennbare Stimme zu geben, sie mit originellen Flüchen, sprachlichen Eigenheiten und schnoddrigen Formulierungen auszustatten. Souverän wechselt sie Ton und Register und legt den Toten ein Deutsch in den Mund, das so farbenreich, idiomatisch und lebendig ist, dass wir Leserinnen und Leser das Gefühl haben, wir wären mittendrin in diesem hemmungslosen Geschnatter.“